Bischöfliche Marienschule Mönchengladbach

Grüße aus dem Ausland (6): Kim berichtet aus Puebla, Mexico

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  • In Teil 6 unserer Serie (mehr zur Serie hier…) berichtet Kim zum zweiten Mal von ihrem Aufenthalt in Mexiko. Sie musste dabei ein Erdbeben überstehen und erzählt, wie sie das verändert hat:

     

    In diesem Bericht möchte ich über ein Erlebnis berichten, das mich sehr geprägt hat und das wir in Deutschland wahrscheinlich nicht erleben werden. Ein Erdbeben.

     

    Ehrlich gesagt waren es drei und zwei davon passierten relativ am Anfang meines Austausches. Das erste Erdbeben war am 07.09.2017 in der Nacht. Auch wenn es ziemlich stark war (es hatte eine Stärke von 8,2; horizontal, deshalb auch nicht ganz so viele Schäden), bin ich nicht davon aufgewacht.

     

    Ich habe es gemerkt, aber habe gedacht, es sei ein Traum. Am nächsten Morgen bin ich früh aufgewacht, um mich für die Schule fertig zu machen. Natürlich habe ich zuerst auf mein Handy geguckt, und das erste, was ich gesehen habe, war die Nachricht einer Freundin. Sie hat sich Sorgen gemacht und gefragt, ob es mir gut geht, wegen des Erdbebens. Dann habe ich noch mehr Nachrichten von meinen Freunden und natürlich auch von meiner Familie gesehen und realisiert, dass das alles real war, und dass das wirklich passiert ist. Ich konnte es gar nicht glauben.

    Schulfrei nach Erdbeben

    Meine Gastmama hat mir dann gesagt, dass sie eine Nachricht erhalten hatte, dass die Schule (selbstverständlich) ausfällt, da geprüft werden müsse, ob es dort sicher sei. An unserem Haus ist zum Glück nichts kaputt gegangen, da es noch sehr neu ist. Ich habe dann zuerst die freie Zeit genutzt und meine Familie in Deutschland angerufen, denn nach dieser Aufregung konnte ich sowieso nicht mehr schlafen.

     

    Bei diesem Erdbeben sind nur in kleinen Dörfern ein paar Gebäude ein bisschen kaputt gegangen, aber zum Glück nicht sehr schlimm. Auch unsere Schule war sicher und deshalb ging es am nächsten Montag für uns schon wieder in die Schule.

    2. Erdbeben während des Unterrichts

    Das zweite Erdbeben am 19.09.2017 (also zwei Wochen nach dem ersten Erdbeben) war definitiv stärker.

    Der Tag fing zunächst an wie ein ganz normaler Tag. Wir hatten Unterricht. Allerdings war es so, dass am 19.09.1985 (also genau vor 32 Jahren; Stärke: 8,0) ein sehr starkes Erdbeben in dieser Gegend war. Es ist das Erdbeben, das den größten Schaden in der Geschichte Mexikos angerichtet hat.

     

    Genau deswegen wird jedes Jahr an diesem Tag und um die selbe Zeit in allen Schulen und Universitäten ein Probealarm durchgeführt. So wie es in Deutschland einen Probe-Feueralarm gibt, gibt es hier Erdbeben-Probealarme. Dabei lernen die Schüler, wie sie sich verhalten sollen. Bei einem Erdbeben gibt es nach der Regel zwei Alarme. Bei dem ersten verlassen alle Schüler, die sich im Erdgeschoss befinden, die Schule, während die anderen in dem ersten Stock (und höher) sich unter die Tische setzen. Dann gibt es einen zweiten Alarm, bei dem dann alle anderen auch die Schule verlassen.

     

    Allerdings fand er bei uns an der Schule nicht statt. Um 13:10 Uhr hatte meine Klasse gerade Geschichte im ersten Stock der Schule. Um 13.14 Uhr fing das Erdbeben dann an. Wenige Sekunden zuvor hörte man ein Geräusch. Es war wie ein Geräusch, das sich so anhört als würde ein Vulkan ausbrechen. Ich weiß nicht warum, aber genau in dem Moment hat der Alarm nicht funktioniert.

    Kein Probealarm

    Unsere Lehrerin schrie uns direkt an, dass wir raus laufen sollen. Normalerweise ist es vergleichbar mit einem Feueralarm, dass eigentlich alle die Ruhe bewahren und nicht rennen sollen. Was wurde aber gemacht? Alle haben geschrien und sind um ihr Leben gerannt. Allerdings war das nicht so einfach, denn man konnte nicht geradeaus gehen. Man ist die ganze Zeit in Schlangenlinien gegangen. Besonders schwer war es die Treppen herunter zu laufen. Während des Laufens ist ab und zu etwas Putz von der Decke gefallen. Ich habe mich gefühlt, als wäre ich in einem Film. Ehrlich gesagt war mein erster Gedanke während des Erdbebens:

    „Ist das die Simulation, der Probealarm? Aber wie haben die das hinbekommen, dass die ganze Schule wackelt?“.

     

    Unten angekommen war das Erdbeben (glaube ich) schon vorbei. Wir haben die Anweisung bekommen, dass wir uns auf dem Sportplatz auf den Boden setzen sollen. Ich hatte die ganze Zeit das Gefühl, dass die Erde sich immer noch bewegt, aber ein paar Freunde von mir meinten, dass das Einbildung sei. Man hatte gar nicht wirklich realisiert, was gerade passiert ist. Außerdem dachte ich, dass das für die Mexikaner total normal sei und sie das alle paar Monate wieder erleben, bis sie zu mir meinten, dass das nicht der Fall ist. Ehrlich gesagt waren die anderen Austauschschüler und ich sehr amüsiert und fanden es „cool“, dass die Erde sich bewegt hat, weil in unseren Ländern (Deutschland, Rumänien, Frankreich, Brasilien) eher keine Erdbeben vorkommen.

     

    Zu dem Zeitpunkt wussten wir aber noch nicht, was auf uns zukommen würde. Nach kurzer Zeit kam direkt meine Gastmama in die Schule, weil sie sich zum Zeitpunkt des Erdbebens in der Nähe der Schule befand. Sie hatte mich sofort gefragt, ob ich mein Handy habe, um in Deutschland Bescheid zu sagen, dass es mir gut geht. Dummerweise hatte ich in dem Stress mein Handy im Klassenraum vergessen und wir Schüler durften die Schule nicht betreten.

     

    Die Lehrer sind dann in alle Klassenräume gegangen, um die ganzen Schultaschen herunterzubringen. Als ich dann mein Handy hatte, hatte ich zum Glück Internet und habe sofort meiner Mama in Deutschland Bescheid gesagt. Erst dachte ich es sei unnötig, weil sie sowieso noch nicht wisse, dass die Erde hier gebebt hat und für mich war es klar, dass es mir gut geht.

     

    Später habe ich dann erkannt, dass dies nicht so selbstverständlich war und, dass meine Mama in Deutschland direkt nach 5 Minuten wusste, dass es ein Erdbeben in meiner Stadt gegeben hatte und sie sich direkt große Sorgen gemacht hatte. Zum Glück hatte ich ihr direkt Bescheid gesagt, dass es mir gut geht, denn dadurch wusste sie, dass sie sich (vorerst) keine Sorgen machen braucht, denn natürlich gab es die Gefahr von Nachbeben.

     

    Was ich also auf jeden Fall gelernt habe: Bei einem Erdbeben sofort Bescheid sagen, dass es einem gut geht, solange dies der Fall ist, denn es ist auch nicht selbstverständlich, dass man nach einem Erdbeben Internet oder geschweige denn Netz hat.

     

    Ich war danach erst einmal gut gelaunt, denn für mich war es eine neue Erfahrung und ein actionreicher Tag. Allerdings habe ich später erfahren, dass es nicht allen Menschen nach diesem Erdbeben gut ging. Viele haben ihre Häuser verloren, sind verletzt oder verschüttet worden oder gestorben. Als ich diese Dinge im Fernsehen gesehen habe, hatte ich schon etwas Angst, dass es nochmal passiert, und dass bei einem nächsten Mal vielleicht auch ich oder meine Freunde von den Schäden betroffen werden würden. Später habe ich auch erfahren, dass das Haus eines Austauschschülers eingestürzt ist, sodass er mit seiner Gastfamilie nicht mehr darin leben kann. Dabei hat man erst gemerkt, wie nah und gefährlich das alles wirklich war, auch für mich.

    Zwei Wochen Erdbebenhilfe

    Hier haben wir gemeinsam mit Freunden die Lunchpakete gepackt.

    Die nächsten Tage (zwei Wochen) ist die Schule ausgefallen. An vielen Schulen und Universitäten konnte man helfen, indem man Essen gespendet oder bei dem Verpacken von Lunchpaketen für die Helfer und Verladen der Sachen geholfen hat.

    Ich habe mit meiner Familie vieler dieser Dinge gemacht und das war eine tolle Erfahrung! Auch wenn dieses Erdbeben negativ war und viel Schaden angerichtet hat, halten hier alle zusammen und helfen sich gegenseitig. Dies zu sehen war einfach ein tolles Gefühl, denn ich konnte auch mithelfen und war ein Teil dieser großen Gemeinschaft.

     

    Auch meine Organisation Rotary hat viele Aktionen zum Helfen gestartet und viele Austauschschüler oder auch ehemalige Austauschschüler haben dabei mitgewirkt. Zudem wurde auch eine Spendenaktion gestartet, bei der viel Geld für die Betroffenen der Schäden gesammelt wurde. Dieses Erdbeben hatte eine Stärke von 7,1.

     

    Von der Stärke her ist es zwar weniger stark gewesen als das erste Erdbeben, aber das Erdbeben verlief nicht horizontal, sondern vertikal, dadurch wurden viel mehr Häuser zerstört. Allerdings sind im Vergleich viel weniger Menschen gestorben als bei dem Erdbeben vor 32 Jahren. Denn vor 32 Jahren war niemand darauf vorbereitet. Nie wurden Probealarme durchgeführt, sodass niemand wusste, wie man reagieren soll und wie man sich retten kann. Dadurch sind mehr als 10.000 Menschen gestorben. 32 Jahre später sind deshalb „nur“ 369 Menschen gestorben.

    Die fertigen Lunchpakete.

    Nach diesem Erlebnis schätze ich es viel mehr, dass ich gesund bin und, dass ich in einem Land lebe, wo es in der Regel keine Erdbeben gibt. Außerdem war ich froh, dass meine Familie nicht hier, sondern im sicheren Deutschland ist. Es war auf jeden Fall eine Erfahrung für mich, die ich nie wieder vergessen werde.

    Das dritte Erdbeben

    Das dritte Erdbeben ereignete sich vor ungefähr einer Woche am Freitag, den 16.02.2018.

     

    Ich war mit zwei Freundinnen in einem Einkaufszentrum und wir saßen in einem Café als plötzlich ein Alarm losging. Allerdings war es kein normaler Alarm. Es war ein anhaltender Ton, sodass niemand direkt wusste, dass es ein Alarm ist. Das Café war ziemlich voll und alle saßen erst 20 Sekunden verwirrt auf den Stühlen bis eine Frau schrie:

     

    „Corren! Corren! Es un temblor!“ (Lauft! Lauft! Es ist ein Erdbeben!).

     

    Alle sprangen sofort auf und es entstand ein Gewusel aus Menschen, die Angst hatten. Als dann alle draußen waren, habe ich mich gefragt, ob das real war, denn ich habe nichts gespürt. Gar nichts. Jedenfalls habe ich sofort meiner Mama in Deutschland und meiner Gastmama hier in Mexiko Bescheid gesagt, dass es mir gut geht und einige Freunde gefragt, ob sie das Erdbeben gespürt haben und ob es ihnen gut geht. Meine Gastmama war zu dem Zeitpunkt im Auto und meinte, dass sie das Erdbeben sehr stark gespürt hat.

     

    Nach einiger Zeit sind wir wieder in das Einkaufszentrum gegangen. Ich hatte ehrlich gesagt etwas Angst, aber dort sollten wir die Gastmutter meiner Freundinnen treffen. Sie war total ruhig, als wäre nichts gewesen. Sie meinte, es sei nun vorbei und es wird nichts mehr passieren. Wir sind dann in einige Läden gegangen, und da ich und meine Freundinnen auf die Gastmama warten mussten bis sie fertig war, saßen wir auf dem Boden. Plötzlich ging wieder ein Alarm an. Diesmal aber ein richtiger Alarm. Wieder sind alle rausgerannt und wieder hatte ich nichts gespürt.

     

    Wir dachten erst, dass etwas in dem Einkaufszentrum kaputt gegangen wäre und der Alarm nur zur Sicherheit wäre, aber nach wenigen Minuten erhielten wir sofort die Information, dass es wieder ein Erdbeben war. Das Epizentrum befand sich in Oaxaca (365 Kilometer südöstlich von Mexiko Stadt). Ungefähr 1 1/2 Autofahrtstunden von meiner Stadt entfernt. Die Erdbeben hatten eine Stärke von 7,2. Allerdings waren diese auch wieder vertikal, sodass nicht so viel zerstört worden ist. 98 Menschen sind gestorben.

    Kim mit Vertretern ihrer Organisation.

     

    Weitere Beiträge aus der Serie

    Die Marienschule unterstützt Schülerinnen und Schüler, die eine Zeitlang im Ausland sind und dort zur Schule gehen. Wir beginnen eine Serie mit Berichten von ihren Eindrücken und geben jüngeren Schülern dadurch einen Einblick in einen Auslandsaufenthalt. Auch für ältere Schüler, die nach ihrem Abitur ins Ausland gehen möchten, können diese Berichte hilfreich sein:

    Teil 1: Kim schreibt aus Mexiko
    Teil 2: Britany schreibt aus Thailand
    Teil 3: Robert schreibt aus den USA
    Teil 4: Melissa schreibt aus Südafrika
    Teil 5: Bastian schreibt aus Wichita, USA