Bischöfliche Marienschule Mönchengladbach

„Ich schreibe, um Dinge zu verbergen“ – die Autorin Judith Hermann im Kreuzverhör

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  • Eine abiturrelevante Pflichtlektüre im Unterricht lesen zu müssen, ist an sich eher ein ambivalentes Vergnügen. Einer Autorin live zuzuhören, wenn sie ihre eigene Geschichte vorliest, klingt da schon spannender. Eine lebende Autorin zudem befragen zu können, zum Text, zum Schreiben und darüber hinaus zu ihrem Leben, das eröffnet eventuell völlig neue Perspektiven.

    So dachte sich Kollegin Anne Soiron und lud Judith Hermann in die Marienschule ein. Diese kam, öffnete nicht nur den Band Kurzgeschichten, der sie weltberühmt gemacht hat, und las daraus die Titelgeschichte „Sommerhaus, später“ vor, nein, sie öffnete auch sich selbst im anschließenden Gespräch (mit) den Schülerinnen und Schülern der Oberstufe – ein Gewinn für alle.

    Wie sie denn selbst ihre Geschichte interpretiere, will ein Schüler wissen; im Unterricht hätten sie
    sich schon Gedanken gemacht. Welche das denn gewesen seien, fragt die Autorin vom Podium sofort zurück. So verschiedene halt, versucht der Schüler auszuweichen, aber er wolle jetzt wissen, was denn richtig sei.

    „Es kommt doch darauf an, was du aus einem Text machst. Es gibt nicht die eine Lesart eines Textes.“

    Beim letzten Satz hat Hermann ihren Kopf gehoben, schaut in die Runde und betont:

    „Ich will den Lehrerinnen und Lehrern nicht zu nahe treten, aber es gibt nicht nur eine Interpretation.“

    Die Erleichterung bei den Schülerinnen und Schülern ist greifbar; hinterher werden einige sagen, dass gerade diese Aussage der Autorin ihnen Mut mache, sich eigenständige Gedanken über Literatur zu machen.

    Und Hermann bietet den jungen Zuhörerinnen und Zuhörern weitere Hilfestellung:

    „Eine Kurzgeschichte ist für viele Leute eine Zumutung oder Überforderung. Die Kurzgeschichte lässt dich am Ende immer im Regen stehen, sie hört einfach auf, und zwar so, dass man sich fragt, ob man irgendetwas Wichtiges überlesen hätte. Und so soll es sein. Das ist genau das, was die Kurzgeschichte ausmacht. Sie weiß es nicht besser als der Leser. Die Kurzgeschichte ist etwas, bei der man sich auf seine Intuition und Sensibilität verlassen kann. Man kann herausfinden, was zwischen den Zeilen gesagt wird. Und zwischen den Zeilen gibt es eine Menge Dinge, die gesagt werden.“

    Sie ermuntert die Schülerinnen und Schüler folglich, sich mit einem Text auseinanderzusetzen. Die Unsicherheit, die man beim Lesen empfinde, sei völlig normal, gehöre dazu und böte auf der anderen Seite ja gerade die Chance, interpretatorische Freiräume zu nutzen.

    Und dann gewinnt man den Eindruck, dass da gar nicht mehr die Autorin, sondern die Leserin
    Hermann redet, als ob sie wie die Schülerinnen und Schüler gerade erst ihren eigenen Text kennen gelernt hätte:

    „Also Stein, würde ich dann schon denken, ist der Ich-Erzählerin sehr zugeneigt. Er macht das nicht mit der Holzhammermethode. Er sagt nicht: Ich liebe dich und möchtest du mich heiraten? Oder wollen wir den Rest unseres Lebens gemeinsam verbringen? Aber er sagt, ich habe eine utopistische Idee und ich habe einen Vorschlag: Ich kaufe ein Haus. Ein Haus ist natürlich eine sehr starke Metapher für eine gemeinsame Zukunft. Ich kaufe dieses Haus und wir können es zusammen gestalten. Dieses Haus ist jetzt ein Schrotthaufen, eine Ruine, das kann die Ich-Erzählerin deprimierend finden, findet sie offenbar auch ein bisschen. Sie will sich sehr eindeutig nicht festlegen.“

    Gebannt hören die Schülerinnen und Schüler zu. Faszinierend ist es, dabei zu sein, wenn Judith
    Hermann ihre Gedanken zu der Beziehung der beiden Hauptfiguren in „Sommerhaus, später“ äußert:

    „Es ist doch so, dass man oftmals über seine Gefühle nicht Bescheid weiß, oder? Oder, dass die Gefühle sich verändern. Sie sind nicht stabil. Sie bleiben nicht. In dem Moment, in dem man sich verliebt, ist man das nicht bis ans Ende seiner Tage, sondern man schwankt. Und von diesem Schwanken und diesem Nicht-wissen-was-man-will erzählt die Geschichte auch.“

    Hermann gelingt es, eine Balance zwischen den literaturwissenschaftlichen Ansprüchen einiger
    anwesenden Lehrerinnen und dem Zielpublikum vor ihr zu finden. Sie ist nie abgehoben, sondern sehr nah an den jungen Menschen dran:

    „Die Ich-Erzählerin wartet. Es ist schon so, dass sie denkt, dass Stein, dass irgendetwas mit dem ist, was sie gut findet und was sie gerne hätte und worauf sie sich auch einlassen würde, aber sie kommt nicht aus dem Knick, sie kriegt es nicht mit, letztlich; und sie hat ’ne lange Leitung. Und am Ende ist es zu spät. Es ist diese sehr entscheidende Stelle, da sie darauf wartet, dass er sagt: Komm! Macht der aber nicht. Also das Aufeinander-zugehen zwischen zwei Menschen ist ja eine sehr zerbrechliche Angelegenheit. Diese Dinge, dieses Schwierige daran, das erzählt die Geschichte in den leeren Stellen, in den Zwischenräumen. Und damit ist sie eigentlich eine klassische Kurzgeschichte. Das machen Kurzgeschichten immer. Das kann man sich für das Thema Kurzgeschichte, glaube ich, merken, dass die Kurzgeschichte Leerstellen hat und dass in diesen Leerstellen das erzählt wird, worum es eigentlich geht. Ja.“

    Dann wird es ganz persönlich und eine Schülerin fragt, was denn Judith Hermann selbst von Liebe halte. Aber auch diese direkte Frage nimmt die Autorin und Mutter eines 18jährigen Sohnes sehr ernst und lässt sich Zeit für eine ausführliche Antwort:

    „Die Menschen bleiben letztlich vereinzelt.“

    Diese scheinbar pessimistische Weltsicht relativiert Hermann aber sofort, indem sie dem jungen
    Publikum versichert, dass dies ihrer heutigen Lebenserfahrung entspreche:

    „Es gibt sehr viele verschiedene Arten von Liebe. Die Liebe einer Mutter zu ihrem Kind. Die Liebe zwischen zwei Menschen.“

    Die Schülerinnen und Schüler stünden ja am Anfang ihres Lebens und sollten doch Erfahrungen im Leben und in der Liebe machen. Das habe sie als junge Autorin schließlich auch getan. Heute habe sie den Eindruck, dass es schwerlich eine Form von Ankunft in einer Liebesbeziehung gebe, dass sich Menschen nicht wirklich näher kommen könnten. Der herzliche und langandauernde Applaus zum Schluss könnte Judith Hermann aber gezeigt haben, dass sie bei den Schülerinnen und Schülern sehr wohl mit ihrer Lesung, aber vor allem mit dem offenen
    Gespräch angekommen ist.