Bischöfliche Marienschule Mönchengladbach

Mit dem Polarforscher Prof. Dr. Sittler auf den Spuren der Lemminge

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  • Ich habe 5 Jahre meines Lebens im Zelt auf Permafrostboden quasi im Kühlschrank übernachtet.

    Prof. Dr. Bernoit Sittler

    Seit Jahrzehnten erforscht Prof. Dr. Bernoit Sittler die Arktis und die Anpassungen der dort lebenden Tiere und Pflanzen. Davon berichtete der Polarforscher den Marienschülern in einem sehr eindrucksvollen Vortrag.

    Prof. Dr. Bernoit Sittler mit den Biologie-Lehrerinnen Laura Kwasny (links) und Lydia Sonntag-Werkes

    Sittler macht die Realität des Klimawandels deutlich

    Seine langjährig gesammelten Daten machen die Realität des Klimawandels sehr deutlich, denn die Auswirkungen sind in dieser Region jetzt schon so deutlich:

    Die Lebewesen der Arktis werden ganz sicher zu den Verlieren des Klimawandels zählen.

    Prof. Dr. Bernoit Sittler

    Ausgehend von den Klima- und Bodenbedingungen, die das Karupelv Tal in Nordost Grönland als Bestandteil der hocharktischen Tundra prägen, stellte der Wissenschaftler die dort lebenden Tiere, ihre Anpassungen an die extremen Klimaschwankungen mit einem kurzen Arktischen Sommer bei Temperaturen von 5 bis 10°C und einer langen Polarnacht bei eisigen Temperaturen von -20 bis -50°C und das resultierende Nahrungsnetz vor.

    Von Lemmingen, Hermeline, Schnee-Eulen, Raubmöwen und Polarfüchsen

    Ziel des Langzeitforschungsprojektes war es von Beginn an, neben der Populationsdynamik der Lemminge gleichzeitig auch die von den Lemmingen abhängigen Fressfeinde zu erfassen. Die Dynamik der Lemming-Population wird so seit 1988 jährlich anhand der Winternester auf einer Fläche von 1500 ha ermittelt. Durch diese Methode können gleichzeitig auch Daten über die Hermeline gewonnen werden, welche diese Nester in der bis zu neun Monate dauernden Winterzeit besetzen. Die Populationen der Schnee-Eulen und Raubmöwen, die im schneefreien Sommer ebenfalls einen Einfluss auf die Lemming-Population ausüben, werden zusätzlich über Brutbelege in einem 1500 ha großen Gebiet kontrolliert. Auch die Polarfüchse haben Lemminge auf ihrem Speiseplan, so dass auch Ihre Population über Kontrolle der Fuchsbauten in einem Gebiet von 7000 ha erfasst werden. Einige Individuen dieser Beutegreifer wurden zudem mit Sendern ausgerüstet, die ein Monitoring der Wanderwege gerade auch im arktischen Winter erlauben. So wurde z.B. deutlich, dass die Schnee-Eule, sich „wie ein Nomade“ verhält und, dass es Polarfüchse gibt, die auch über Packeis Strecken von über 1.000 Kilometern zurücklegen und dann in völlig anderen Regionen auftauchen.

    Gibt es den Selbstmord der Lemminge?

    Da so viele Beutegreifer von ihm abhängen, hat der Lemming eine Schlüsselrolle in diesem Ökosystem. Lemminge vermehren sich im Arktischen Winter, dabei kommt es zu 4 Würfen mit 8 bis 10 Jungtieren.

    Die Legende, dass die Lemminge Selbstmord begehen, wenn ihre Populationsdichte zu groß wird, hält sich hartnäckig, entspricht aber nicht der Wahrheit. Das Abnehmen ihrer im Winter so stark vergrößerten Population ist mit der erfolgreichen Jagd durch ihre Fressfeinde zu erklären.

    Klimawandel lässt Lemminge sterben

    Die von Dr. Sittler erfassten Daten machten deutlich, dass seit ca. 15 Jahren der zuvor sehr regelhaft auftretende Lemmingzyklus ausbleibt, die Lemminge können sich also im Winter nicht erfolgreich fortpflanzen, wie es zuvor war. Ein Grund ist das früher einsetzende Tauwetter, was zur Vereisung der Flächen führt. Eis isoliert jedoch nicht so gut wie der normalerweise schützende Pulverschnee, dies führt zu einer erhöhten Sterberate der Lemminge. Das hat Auswirkungen auf alle Beutegreifer, so sank z.B. die Anzahl der Schnee-Eulen Nester dramatisch.

    Herr Dr. Sittler konnte sehr deutlich machen, dass alle in der Region lebenden Tiere schon jetzt unter den Auswirkungen der durch den Klimawandel veränderten Bedingungen leiden. So können auch die Moschusrinder die Frostdecke nur mit erheblich mehr Energieaufwand von der Pflanzendecke wegscharren. Dies schwächt die Tiere, die im Winter jede halbe Stunde fressen müssen und dazu Zugang zur Pflanzendecke finden oder frei scharren müssen, erheblich. Die Forschungsgruppe hat in den letzten Jahren zunehmend verendete Tiere gefunden, was in den ersten Jahren des Forschungsprojektes sehr, sehr selten war.


    Gefährliche Begegnungen mit Eisbären

    Ein Eisbär entfernt die Nägel, um in die Hütte einzubrechen.

    Für die Forscher selber wird es durch das Abschmelzen des Packeises zunehmend gefährlicher. Gab es zu Beginn des Projektes nur in absoluten Ausnahmefällen Begegnungen mit Eisbären, so sind diese immer häufiger auch weit im Inland möglich. Inzwischen ist es notwendig geworden, das Zeltlager mit einem Elektrozaun mit 800 V zu schützen, um das Lager vor marodierenden Bären zu schützen. Fotofallen dokumentieren, wie die Bären zuvor auch die Blockhütte des Teams immer wieder genau inspizierten. Ein offensichtlich besonders hungriger Eisbär machte sich schließlich sogar die Mühe, einzeln die langen Nägel aus der Fensterverbretterung zu ziehen. Über das etwa DinA 3 große Fenster gelangte er in die Hütte, die er auf der Suche nach Futter gehörig umräumte.

    Die Fotofalle erwischt einen sehr hungrige Eisbären.

    Eisbären in großer Not

    Diese Schilderung verdeutlichte die Not der Eisbären, deren Lebensraum kontinuierlich wegschmilzt, sehr nachdrücklich und machte ebenso wie die zuvor erläuterten Daten aus mehr als 30 Jahren Feldforschung sehr deutlich, dass es klare, wissenschaftlich fundierte Hinweise für einen Klimawandel gibt. Die hier zu beobachtende Erderwärmung erfolgt deutlich schneller als bisherige Wechsel von Kalt- und Warmzeiten in der Erdgeschichte.

    So schnell verläuft Evolution nicht. … Die Auswirkungen können wir im Karupelv Valley sehen und die bisher von uns erfassten Daten machen deutlich, dass die Lebewesen der Arktis ganz sicher zu den Verlieren des Klimawandels zählen werden.

    Prof. Dr. Bernoit Sittler

    Danke

    Wir danken Herrn Prof. Dr. Sittler herzlich für seinen beeindruckenden Vortrag, der uns nicht nur seine Forschungsarbeit und seine Forschungsergebnisse vermittelt hat, sondern auch deutlich gemacht hat, dass verantwortliches Handeln für Klima- und Umweltschutz vor Ort beginnt, aber Auswirkungen auch auf die entlegensten Ökosysteme der Erde hat.