Wilhelm Tell mal anders 1


Julia, 8d: Wilhelm Tell mal anders.
Symbolbild, Quelle: jutakyo: bloody. CC-Lizenz BY-NC-ND 2.0

VORWORT (Montag, 8. Juni 2020)

Nachdem wir in unserer Klasse Wilhelm Tell gelesen hatten und sich das Thema langsam dem Ende neigte, gab uns unsere Lehrerin eine letzte Aufgabe.

Aufgrund der sehr einseitigen Kritik der Schüler an dem zuvor gelesenen Drama, die größtenteils daraus bestand, dass sowohl die Sprache als auch die Handlung doch etwas veraltet seien, bekamen wir die Aufgabe, den Charakteren und der Handlung ein modernes Upgrade zu verpassen.

Dies sollte zwar in Stichpunkten passieren, aber da mich die freie Zeit, aufgrund unserer derzeitigen Lage, förmlich verfolgte, beschloss ich, das Ganze einfach vollständig niederzuschreiben.

Diese geplante 2-Stunden Aktion entpuppte sich dann leider als Ganztags- Schreibtisch-Sitzung, aber nach viel hoffnungslosem aus dem Fenster starren, der Frage: ,,Kann ich diese Formulierung wirklich meiner Lehrerin vorsetzen?“ und 10 Tassen Kaffee, konnte ich die Hausaufgabe endlich abschicken.

Ein Fehler meinerseits, denn als ich das Ergebnis darauf freudig meiner Mutter zeigte, war diese kurz davor mir einen Nachhilfelehrer zu besorgen und ich hätte die restliche Corona Zeit damit verbracht, Kommasetzung zu üben.

Also bin ich wieder zurück an den Schreibtisch, diesmal mit strenger Überwachung meiner Mutter, und mir wurde mit jeder Zeile klarer, dass es wahrscheinlich wirken müsste, als hätte ich jede Deutschstunde meines gesamten Lebens verschlafen. Letztendlich schaffte ich es dann doch, eine grammatikalisch relativ akzeptable Arbeit erneut abzuschicken und freute mich doch ein klitzekleines bisschen, dass die Mühe nicht komplett umsonst war.

Also, falls überhaupt jemand bis hier gekommen ist und jetzt tatsächlich vor hat, weiterzulesen, wünsche ich demjenigen viel Spaß dabei.

Julia

KAPITEL 1

Verstehen

Man muss versuchen sie zu verstehen.

Ihre Denkweise, die Hintergründe ihres Handelns, wie die Menschen in ihrem Umfeld sie beeinflussen. Anhand der Informationen, wo sie einmal waren, versuchen vorauszusagen, wo sie hingehen werden. Und dann, wenn man sie verstanden hat, sich raushalten, sie beobachten, aber bloß nicht eingreifen. Sonst wird man Teil des Ganzen und wenn man einmal drinnen ist, wenn du einmal wahrgenommen wirst, dann ist es fast unmöglich, aus ihrem Blickfeld zu verschwinden.

Dies ist meiner Meinung nach der beste Weg, die Schulzeit zu überstehen. Vielleicht werden meine Mitschüler dann, wenn sie irgendwo meinen Namen noch einmal hören, fünf Jahre nach unserem Schulabschluss nur denken: ,,Ah, der war doch in meinem Chemiekurs“, oder ,,War das nicht der, der die Boxmeisterschaften in unserer Kleinstadt gewonnen hat?“, aber das ist mir egal. Sie werden dann nicht an irgendwelche lustigen Partygeschichten erinnert, die damit enden, dass irgendjemand auf ein Auto kotzt, aber wenigstens rücke ich dann auch nicht während der Schulzeit ins Blickfeld von Typen wie Ray Harper.

An diesen Kerl würde sich wahrscheinlich jede noch so unbedeutende Seele erinnern. Und ich denke nicht sehr positiv. Vielleicht würden manche ihn als Schläger bezeichnen, doch er war viel schlimmer. Schläger sind bei den Lehrern bekannt und werden meistens von allen Schülern verachtet, doch Ray hatte es mit seinen zwei Kumpels geschafft, sich über alle anderen zu stellen, sodass sich nicht nur niemand wehrte, sondern, dass manche sogar zu ihm aufschauten. Sie waren nicht neidisch auf ihn selbst, sondern auf seine Position und manche insgeheim wohl auch auf sein Selbstbewusstsein. Aber niemand konnte sich wehren, da sie alleine zu schwach waren. So etwas wie Solidarität kannte hier niemand. Jeder war sich selbst der Nächste und ich kam damit klar. So lief es immer und so lief es auch jetzt.

Es war Pause und ich saß alleine an einem Tisch weit hinten in der Ecke, in der ich immer saß. Ich las gerade in ,,Das Parfum“ als ich merkte, wie die Aufmerksamkeit aller Schüler zur rechten Seite wanderte. Ich mochte diesen Platz, da man die ganze Mensa im Blick hatte und förmlich spüren konnte, wie alle Blicke zu der Seite wanderten, auf der gerade Ray und seine zwei Freunde, die ihn begleiteten wie zwei Elitesoldaten ihren Kaiser, auf ein Mädchen zugingen.

Jenna May – sie war in der Klasse meiner kleinen Schwester. Als Ray zu sprechen begann, hörte man es durch den ganzen Raum und das war ihm bewusst. Es war sein Schauplatz, seine Bühne, auf der er allen zeigen konnte, wer er war, welchen Einfluss er hatte. Er kontrollierte sie mit Angst. Mir tat das Mädchen fast schon leid. Ein ganzer Raum voller Schüler, mental auf ihrer Seite, aber niemand half ihr. Niemand hatte den Mut, aufzustehen und ihr beizustehen.

,,Du schuldest mir noch Geld!“, sagte er und streckte ihr seine Hand entgegen. Das war ziemlich sicher gelogen. Ich wusste von meiner Schwester, dass Jenna immer etwas von ihren Eltern mitbekam, da diese der Meinung waren, beim Schulbäcker gäbe es eh nur ungesundes Essen. Außerdem hätte Ray niemals einem Mädchen, dass zwei Stufen unter ihm ist, Geld geliehen. Wahrscheinlich, auch wenn sie in seiner Klasse gewesen wäre, nicht. Trotzdem forderte er es wie selbstverständlich, als ob es sein Recht wäre. ,,I.. ich hab doch gar nichts“, stotterte sie. ,,Ouhh… das ist aber gar nicht gut“, meldet sich nun Cole McTyre zu Wort. Bei ihm klang diese aufgesetzte Freundlichkeit noch viel mehr wie eine Drohung. Der dritte Kerl hieß Patrick Kirley, wobei er meistens nur daneben stand und finster grinste.

,,Naja, dann muss das wohl reichen“, sagte Ray schulterzuckend und riss dem Mädchen ihr Brötchen aus der Hand. Sie starrte ihn nur geschockt an. Als sie sich aus ihrer Starre löste, war er schon weg und sie stand ohne Frühstück da.

So ging das jeden Tag, entweder war es das Frühstück, 5 Euro, ein Schokoriegel oder was auch immer den Dreien gerade gefiel. Wenn sie etwas wollten, dann nahmen sie es sich und wer es ihnen nicht gab, der fand dann am nächsten Tag ein kaputtes Handy-Display oder Kakao in seinen Sportsachen vor. Wirklich beweisen konnte man nichts und wer es ihnen freiwillig gab, konnte es schlecht dem Lehrer melden gehen. Außerdem stand deren Wort gegen das eigene und da Rays Vater der Schule jährlich eine großzügige Summe an Geld spendete, traute sich kein Lehrer je etwas zu sagen. Sie belästigten jeden, den sie gerade sahen, weshalb es am besten war, nicht aufzufallen. Nach der Schule würden diese drei Vollidioten eh auf den Boden der Tatsachen zurückfallen. Jeder bekommt, was er verdient und bis dahin sollte man vielleicht einfach nicht so viel Geld in die Schule mitnehmen und in Kauf nehmen, einen Mittag ohne Essen auskommen zu müssen.

Ich las weiter bis mich fünf Minuten vor Pausenende eine Person von der Seite antippte und: ,,Hey Nathan“, sagte. Allison Archer, der größte Sonnenschein der Welt und immer so lieb und gut gelaunt, dass ich die meiste Zeit daran zweifle, dass wir wirklich verwandt sind. ,,Hey Schwesterchen“, antwortete ich ohne von meinem Buch aufzusehen.

,,Hallo“ erklang noch eine andere Stimme, die ich nicht sofort zuordnen konnte, weshalb ich meinen Blick doch erhob. Vor mir saß Jenna, das Mädchen von eben und guckte etwas hilflos zu ihrer Freundin herüber. ,,Wollt ihr etwas?“, fragte ich an Allie gerichtet. ,,Ja, ich wollte fragen, da Jenna ja kein Frühstück mehr hat und du deins ja eh nie isst, ob…“, sie machte mit den Händen eine Geste, die wohl bedeuten sollte, dass ich mir den Rest wohl denken könnte. Ich verdrehte die Augen und kramte die Brotdose, die unsere Mutter uns noch jeden Tag morgens machte, aus meinem Rucksack heraus. Sie hatte recht, ich frühstückte nie. ,,A-also nur, wenn das okay ist“, murmelte Jenna, der die Situation wohl unangenehm war. Ich versuchte mir vorzustellen, wie Allie sie trotz Protest hier herangeschleppt hatte, was mir augenblicklich gelang, da sie so etwas sehr oft tat. Sie merkte meistens gar nicht, dass Leute sich unwohl fühlten, aber man konnte es ihr nie wirklich übel nehmen, zumal sie es immer gut meinte.

,,Ach, alles gut, ich hab eh die letzten Beiden frei, da kann ich früh Mittag essen“, versicherte ich ihr. Kurz danach verließen die beiden, nach einem zugegeben ziemlich erzwungenen Smalltalk, meinen Tisch.

KAPITEL 2

In meiner vierten und letzten Stunde hatte ich Kunst. Eigentlich mochte ich das Fach, aber momentan arbeiteten wir an Modellschiffen und das in Gruppen, weshalb ich wohl zur Unterhaltung gezwungen war.

Ich war mit Kirian Furman, dem wohl einzigen Jungen aus meiner Klasse, den ich vielleicht als ,,Kumpel“ bezeichnen konnte, und Lovis Hunter, der durch sein fast schon wieder auffällig unauffälliges Verhalten oft zur Zielscheibe von Ray und seinen Kumpels geworden war, in einer Gruppe – es hätte mich deutlich schlimmer treffen können, trotzdem konnte ich Gruppenarbeit einfach nicht leiden.

,,Es macht mich immer so wütend, wenn ich Ray und seine zwei hohlköpfigen Lakaien sehe, wie sie die ganze Zeit auf anderen rumhacken. Die Kleine heute war doch bestimmt nur halb so groß wie Patrick“, eröffnete heute Kirian das Gespräch. ,,Sie heißt Jenna May“, fügte ich, aus dem Bedürfnis heraus, etwas zum Gespräch beitragen zu müssen, hinzu.

,,Ja-a i..ich hasse di-diese Typen“, Lovis stottert beim Sprechen, was manchmal ziemlich nervig war. Im Gegensatz zu mir betrieb er überhaupt keine freizeitlichen Aktivitäten. Er hockte wohl den ganzen Tag vor seinem PC und sprach fast nie mit anderen, weshalb sein Selbstbewusstsein gegenüber Rays Clique wohl dem eines Fünfjährigen entsprach. Bei dem Modellschiff stellte er sich allerdings erstaunlich geschickt an.

,,Ja, ich meine, wer hasst sie nicht? Und trotzdem wehrt sich fast nie einer, dabei sind wir doch so viele! Ich hab darüber schon etwas länger nachgedacht und meiner Meinung nach sollten wir etwas unternehmen. Mit einem guten Plan und wenigstens ein bisschen Zusammenhalt könnten wir diese Kerle ein für alle Mal in ihre Schranken weisen!“, redete Kirian einfach weiter. ,,Ich glaub, ich erstelle eine Gruppe und werfe die Idee einfach mal in den Raum, es wäre, denke ich, zu schaffen, den Typen mal richtig eins auf ’s Maul zu geben!“

,,A-also ich wä..re dabei!“, gab Lovis zurück, obwohl der sich wahrscheinlich erst wirklich trauen würde, wenn er das halbe Basketball Team auf seiner Seite hätte. ,,Was ist mit dir ,Nathan?“, fragte mich Kirian.

,,Naja, wenn du jetzt wirklich was mit allen planst, halte ich mich bestimmt nicht als einziger raus, aber momentan bin ich erstmal nicht dafür. Wenn es nicht klappt, fühlen die sich doch nur noch mächtiger und darauf hab ich echt keinen Bock.“, gab ich nur zurück.

,,Ach komm schon, Mann, du würdest es doch locker mit jedem von denen aufnehmen, ich hab dich doch letzten Sommer bei einem Turnier gesehen. Sein rechter Haken ist echt krass!“, erzählte er etwas zu erfreut an Lovis gewandt weiter. ,,Mit dir hätten wir Jemanden, vor dem die echt Angst hätten!“

Ich bezweifelte stark, dass irgendeiner dieser 1,90m großen Typen Angst vor mir hätte, geschweige denn überhaupt wüsste, wer ich bin.

,,Ne, lieber nicht, keinen Bock, von denen ins Visier genommen zu werden.“ 
 ,,Schade, aber ich sag’s dir, wenn wir’s denen gezeigt haben, würdest du dir noch wünschen, du hättest mitgemacht. Übermorgen in der Frühmesse werden wir ihn entkönigt haben!“, rief er und fuhr mit der Faust in die Luft.

Ich hätte ihm gerne gesagt, dass es ,entthront’ heißt und er sich vielleicht nicht übernehmen sollte, wollte aber weitere Auseinandersetzungen verhindern, weshalb ich mich einfach darauf konzentrierte, den Mast unseres Schiffes nicht komplett zu verunstalten.

KAPITEL 3

Nach der Schule ging ich auf direktem Weg nach Hause, machte mir eine Tiefkühlpizza und verbarrikadierte mich oben in meinem Zimmer, um meine Hausaufgaben zu machen und noch etwas zu lesen.

Meine Mutter kam ungefähr eine halbe Stunde später, schaute einmal kurz in mein Zimmer rein und ließ mich dann wieder in Ruhe. Irgendwann hörte ich unten die Tür ungewöhnlich laut zuknallen. ,Wahrscheinlich meine Schwester, die nicht das Glück hatte, dass ihr Physiklehrer an einer Grippe erkrankt war.’ , dachte ich.

Blöd für ihn, gut für uns.

Nach ungefähr zwei Minuten hörte ich dann von unten Geschrei und die wütende Stimme meiner Mutter. Etwas erstaunt schaute ich von meinem Buch auf. Wahrscheinlich war es normal, dass sich Jugendliche öfters mit ihren Eltern stritten, aber nicht bei uns. Zumindest nicht bei Allie. Sie war ein viel zu fröhlicher und lieber Mensch, half meiner Mutter immer im Haushalt und schrieb so gut wie nie schlechte Noten. Ich wollte nicht in ihre Streiterei hineinplatzen, deshalb wartete ich, bis meine Schwester fünf Minuten später wütend die Treppe hochgestampft kam.

Ich trat aus der Tür.

,,Was ist passiert?“, fragte ich, als sie gerade gegenüber in ihr Zimmer verschwinden wollte. Als sie sich umdrehte, hatte sie Tränen in den Augen.

,,Ray Harper ist passiert!“, rief sie wütend und wies auf ihre… naja nicht mehr ganz so weißen Turnschuhe.

Diese Schuhe hatte sie sich seit ungefähr einem halben Jahr gewünscht. Es waren irgendwelche teuren Designer-Dinger, die angeblich ihr Lieblingssänger irgend so einer koreanischen Popband getragen hatte. Meiner Meinung nach totaler Unsinn, für so etwas Geld auszugeben, aber als Allie sie dann nach 2 Monaten Betteln endlich bekam, war sie überglücklich und das war doch die Hauptsache. Danach hatte es allerdings noch 2 Wochen und alle ihre Überredungskünste gebraucht, bis sie die Schuhe auch in der Schule tragen durfte. Kein Wunder, dass Mama jetzt sauer war. Das gesamte weiße Leder war mit irgendeiner braunen, bis hier komisch, chemisch riechenden Flüssigkeit überschüttet worden. Ich wollte gerade fragen, wie es dazu kommen konnte, doch sie kam mir mit der Antwort zuvor: ,,Als unser ach so toller Ray gesehen hat, dass Jenna trotzdem noch was zu essen hatte, hat er ihr wieder das Essen weggenommen und auf der Dose steht doch ,,Archer“ drauf und es geht natürlich nicht, dass seine Opfer Hilfe von Außenstehenden bekommen.“

Ich hatte sofort verstanden. Er dachte, dass die Brotdose Allison gehöre, was auch irgendwie naheliegender wäre, da sie schließlich mit Jenna befreundet ist und dieser Mistkerl hat es wahrscheinlich während des Chemieunterrichts, in dem sich manchmal zwei Klassen einen Raum teilten, ,,aus Versehen“ auf ihre Schuhe gekippt. Wahrscheinlich hat er nicht mal gewusst, was da genau drin war. Es hätte ihr genauso gut die Füße wegätzen können! Das letzte Mal hatte ich Allie so wütend gesehen, als Conner Teach, unser Nachbar, ihre Kaninchen an Ostern mit Eiern bewarf, bis einer am Kopf blutete und wir mit Mr. Hops (ein zugegeben nicht sehr kreativer Name) zum Tierarzt mussten. Sie ist damals fast auf ihn los gegangen. Zu ihrer Verteidigung: sie war damals 5 und Conner 8, aber diese Wut und auch Trauer in ihren Augen machten mich mindestens genauso wütend. Wenn es eine Art gab, mich sauer zu machen, dann war es meiner kleinen Schwester weh zu tun. Sie war definitiv mein wunder Punkt.

Und diesen Fehler hatten Ray Harper und seine behinderten Freunde begangen. Ich hatte immer nur darüber nachgedacht, wie es für die Person ist, der diese Ungerechtigkeit widerfährt, aber nie, was die Leute empfinden, die dabei zusehen müssen. Mein Fehler. Auf einmal wurde ich noch wütender. Nicht nur auf Ray, Cole und Patrick, sondern auch auf mich und die anderen Schüler, die es so weit haben kommen lassen, dass meiner Schwester wehgetan wird.

,,Das wird dieser Mistkerl bereuen!“, presste ich zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.

,,Das bringt jetzt auch nichts mehr, davon werden die Schuhe auch nicht wieder weiß und Mama und Papa denken, dass ich mit nichts gewissenhaft umgehen kann, ich hasse es, wenn sie so enttäuscht sind! Dabei hab ich doch gar nichts gemacht!“, jammerte sie.

Doch ich hörte ihr schon gar nicht mehr richtig zu. Ich wollte einfach nur noch Rache. Mir war egal, in wie vielen Bücher ich schon gelesen hatte, dass es falsch war und man zu einem genauso schlechten Menschen wird. Es ging hier nicht um mich als Mensch, sondern darum, dass weder meiner Schwester, noch irgendwem sonst so etwas nochmal passieren durfte. Ob man es nun Gerechtigkeit oder Rache nannte, ich musste etwas tun.

Den ganzen Abend verließ mich dieses Gefühl nicht und auch als ich am nächsten Morgen aufwachte, hatte ich nur einen Gedanken im Kopf ,,Ray Harper, jetzt kriegst du alles zurück!“

KAPITEL 4

Ich konnte mich einfach auf kein Fach konzentrieren, aber egal. Dann mussten die Lehrer wohl damit leben, dass ich einen Tag mal nicht ganz bei der Sache war. Eigentlich lief Ray immer nur mit seinen zwei Kumpels herum, allerdings wohnten die drei weit voneinander entfernt, weshalb er das Tor nach der Schule ohne sie verließ. Meist etwas später, weil er sich erst noch sein Mittagessen ,,besorgen“ musste, was wohl einen weiteren Schüler, der Nachmittagsunterricht hatte, hungern ließ. Über den ganzen Tag hinweg wurde mir bei jedem weiteren Opfer der Dreien, das ich sah, bewusster, wie überheblich und absolut schrecklich diese ganzen Taten waren und meine Wut staute sich immer weiter an. Zu Viele, die mir über den Weg liefen, erinnerten mich daran, wie aus den Pausen nur noch eine Zeit wurde, die es hinter sich zu lassen galt.

Kein Begriff in meinem Wortschatz konnte das Gefühl beschreiben, das in mir brodelte. Ich konnte diese Ungerechtigkeit einfach nicht mehr mit ansehen. Als ich Kirian in der Pause über den Weg lief, sagte ich ihm nur, er brauche sich keine Sorgen zu machen, ich würde bei seiner Aktion mitmachen, allerdings vermutlich schon etwas früher und ließ ihn etwas verdattert dreinschauend stehen.

Ich hatte das alles mitangesehen und nichts getan, doch das wollte ich jetzt nachholen. Die Drei waren auch nur Schüler wie wir und ohne Ray wären Cole und Patrick auch nur noch zwei Leibwächter, die nicht mehr wüssten, wohin mit sich.

Ich überlegte immer wieder, wie ich das Ganze angehen sollte.

Erst hatte ich überlegt, ihm all seine schrecklichen Fehler vorzuhalten, doch zweifelte ich daran, dass er auch nur einen Funken Einsicht oder Reue zeigen würde.

Also auf die körperliche Tour!

Ich hätte normalerweise jetzt Boxtraining gehabt, aber das fiel wegen Reparaturen der Halle aus. Also würde ich meine Fähigkeiten wohl heute anders unter Beweis stellen. Die letzte Stunde schwänzte ich. Wir hatten nur Religion und da ich weder gläubig war, noch auch nur eine einzige unentschuldigte Fehlstunde in meinen bisherigen 11 Jahren Schule hatte, war es mir relativ egal.

Ich wollte Ray auf keinen Fall verpassen. Ich ging hinter dem Tor in Deckung, damit mich keiner der Lehrer erwischte und wartete.

Als es klingelte, verschwanden wie erwartet so gut wie 80 Prozent der Schüler, bevor eine Spur von Ray zu sehen war. Als er dann endlich kam, waren höchstens noch 20 Schüler auf dem Schulhof, unter ihnen auch Kirian und Lovis. Sonst nur größtenteils Fünf- bis Siebtklässler.

Er ging gerade aus dem Tor ohne mich nur eines Blickes zu würdigen. Sein Fehler. Ich packte ihn am Kragen seiner komischen Pulli-Hemd-Mischung und stieß ihn so feste gegen die Wand des Gebäudes, dass er ein komisches Ächz-Geräusch von sich gab. Hinter uns verstummten alle Gespräche und ich spürte die Augen der anderen förmlich auf mir, doch war ich mir sicher, dass niemand eingreifen würde. Das taten sie nie und erst recht nicht bei ihm.

Er versuchte sich loszureißen, doch ich hatte viel zu viel Kraft.

,,Hey du riesiger -“ , ich konnte mich im Nachhinein nicht mehr daran erinnern, welche Beleidigungen ich ihm genau an den Kopf warf, aber ich war mir ziemlich sicher, dass mindestens drei davon aus dem Mittelalter stammten und meiner Vorliebe für alte Bücher zu verschreiben waren und zwei in irgendwelchen Ländern mit dem Tod bestraft worden wären. Das erklärte zumindest das halb erschrockene und halb verwirrte Gesicht des Jungen, auf das ich mit einem gekonnten Hieb einschlug. Ich hätte ihn bestimmt K.O. gehen lassen können, aber dann hätte er sich an nichts mehr erinnert und die ganze Aktion wäre umsonst gewesen.

,,Wenn du noch einmal meine Schwester anfasst oder ihr schadest…“, beim nächsten Schlag dachte ich schon gar nicht mehr an das, was mich erwarten würde, nach dem ich meine ganze Wut an ihm ausgelassen hatte.

,,…oder irgendwem anders an dieser Schule,…“, noch ein Schlag, er blutete an der Stirn und aus der Nase und hatte bereits ein blaues Auge.

,,…dann schlag ich dir jeden Zahn einzeln aus deiner grässlichen Visage!“, schrie ich ihm förmlich ins Gesicht. Er hatte die ganze Zeit nichts gesagt, vielleicht, weil er es nicht konnte oder auch, weil er nicht genau wusste, was er sagen sollte. Doch jetzt hörte ich wie er ,,Mama“, krächzte und ich ließ plötzlich von ihm ab.

Nicht, weil er nach seiner Mama rief, das sah ich eher als erneuten Beweis dafür, dass er eigentlich eine unfassbar mickrige Persönlichkeit war, sondern weil ich an seine Herkunft dachte.

Ich hatte immer versucht, zu verstehen, warum Menschen das wurden, was sie waren und wieso sie taten, was sie eben taten, da mich nie jemand verstanden hatte.

Er war wahrscheinlich eines dieser Kinder, die von ihren Eltern etwas zu viel Aufmerksamkeit bekamen, weshalb sie so erzogen wurden, als wären sie König von Allem, was nicht bei drei auf dem Baum saß. Es war niemals eine Entschuldigung für das, was er und seine Freunde allen angetan hatten, aber immerhin eine Erklärung. Ich nahm meinen Rucksack und ließ den halb bewusstlosen Ray an der Mauer zurück. Ich wusste nicht mehr, wie richtig oder falsch das war, was ich da getan hatte, aber ich konnte es auch nicht mehr rückgängig machen. Wahrscheinlich würde ich einen Verweis bekommen, wenn ich Glück hatte nur lebenslanges Nachsitzen. Aber vielleicht hatte diese Tat ja etwas bewirkt und weitere Leute kamen auf die Idee, sich zu wehren. In Gedanken versunken ging ich nach Hause.

KAPITEL 5

Als ich am nächsten Morgen die Frühmesse betrat, hatte sich das Ereignis, wie erwartet, schon herumgesprochen. Von Ray und erstaunlicherweise auch Patrick war keine Spur zu sehen. Cole stand abseits in einer Ecke und wirkte… ja fast schon verängstigt.

Ich spürte förmlich die Blicke der Anderen auf mir liegen und hatte schon etwas Angst vor dem, was nun kommen würde. Jedes Mal, wenn ein Lehrer in meine Nähe kam, rechnete ich damit, dass er auf mich zu ging und mich ins Lehrerzimmer zitierte.

Die Messe fand in der Aula statt und bis zum Anfang dieser passierte tatsächlich rein gar nichts. Irgendein Kurs aus der Siebten führte ein Theaterstück vor, dann wurde etwas gesungen, dann wieder vorgelesen, singen, beten, vorlesen, singen. Und dabei das ganze Hinstellen und wieder Hinsetzten.

Jedes Mal, wenn die Worte: ,,Bitte erhebt euch“, erklangen, ging ein lautes Stöhnen durch die Reihen und der Priester tat mir schon fast ein wenig leid. Aber auch nur fast.

Am Ende hielt unsere Direktorin noch eine Rede zur kommenden Projektwoche, als plötzlich die Tür hinten im Saal aufflog und mein persönlicher Albtraum hereineilte. Mrs. Harper, gefolgt von einem grün und blau geschlagenem Ray Harper, kam hereingestürzt und eilte schnellen Schrittes auf die Bühne zu. Ihrem Sohn schien das Ganze nicht wirklich zu gefallen und er blieb etwas unschlüssig vor der Bühne stehen. Doch als seine Mutter ihn mit einer energischen Handbewegung zu sich kommandierte, folgte auch er und ging mit ihr direkt auf unsere Direktorin zu, deren Blick verwirrt und geschockt immer wieder von Mrs. Harper zu Ray und dann zu unserem Stufen-Koordinator wanderte.

Alle flüsterten und es wurde ziemlich unruhig im Saal. Auf der Bühne unterhielt sich Rays Mutter gerade mit einigen Lehrkräften und nahm sich dann das Mikrofon vom Rednerpult. Ich wusste nicht wirklich, ob sie dazu aufgefordert worden war, doch als sie es einmal hatte, traute sich anscheinend niemand mehr, es ihr wegzunehmen. ,,Mein armer kleiner Ray wurde einfach brutalst ohne Grund zusammengeschlagen!“, schluchzte sie halb ernst, halb geschauspielert.

,,Und zwar von ihm.“, sie deutete mit einem Finger auf mich, wie auf einen Schwerverbrecher

,,Nathan Archer!“.

Ich, dieser besagte Nathan Archer, war jetzt offiziell nicht mehr unsichtbar.

In irgendeiner Serie wäre jetzt wahrscheinlich ein erschrecktes Aufatmen durch die ganze Menge gegangen, da allerdings die eine Hälfte schon davon wusste und die andere Hälfte meinen Namen gerade zum ersten Mal hörte und sich nun wahrscheinlich nach einem verdächtig aussehenden Kerl umsah, wurde nur das verwirrte Flüstern noch lauter.

Endlich löste sich unsere Direktorin aus ihrer Starre und nahm Mrs. Harper das Mikro wieder weg

,,Nathan Archer?“, fragte sie.

Ich erhob mich zögernd. Jetzt musste ich für das geradestehen, was ich am vorherigen Tag getan hatte. Sie musterte mich von oben bis unten, als würde sie mich heute zum ersten Mal sehen. Vielleicht tat sie das auch.

,,Ist das die Wahrheit?“

Ich wusste nicht recht, was ich antworten sollte, denn ich war ein miserabler Lügner. Da kam mir eine Idee und da ich es eh nicht noch schlimmer machen konnte, als es eh schon war, versuchte ich so viel Überzeugung wie möglich in meine Stimme zu legen und fragte:

,,Sie wollen die Wahrheit hören? Nun ja, die Wahrheit ist, dass jeder Schüler in diesem Raum Ray Harper, Cole McTyre und Patrick Kirley hasst und das nicht ohne Grund. Alle drei benehmen sich hier an dieser Schule wie Tyrannen, halten sich für etwas Besseres, unterdrücken jeden Schüler hier mit Gewalt und sorgen dafür, dass kein einziger Mensch an dieser Schule gerne noch in der Cafeteria isst.“

Und dann begann ich alles zu erzählen, jeden der Fälle, an den ich mich noch erinnern konnte und bei dem ich den Namen des betroffenen Schülers noch wusste. Auf einmal fingen die einzelnen Schüler an, die Geschichten zu bestätigen. Als mir keine mehr einfielen und plötzlich ein unangenehmes Schweigen herrschte, fügte ich nur noch hinzu:

,,Das ist die Wahrheit!“.

Gerade, als unsere Direktorin, die sichtlich geschockt von den Erzählungen war, etwas sagen wollte, riss Rays Mutter wieder das Mikro an sich und schrie fast: ,,Eine Lüge! Die haben sich gegen meinen Sohn verschworen! Und er hat es nicht geleugnet! Oder Bengel? Sag, hast du das getan?“

Sie zeigte mit einem Finger auf ihren zugerichteten Sohn, dem das Ganze anscheinend unfassbar peinlich war. ,Zurecht’, dachte ich nur und richtete mich an seine Mutter, doch bevor ich etwas sagen konnte, sprang Kirian plötzlich hinter mir auf und sagte etwas zu hektisch:

,,Ein Motorrad!“ Alle starrten ihn an, doch er fuhr einfach mit seiner Lüge fort

,,Ihr armer, kleiner“ – seine Stimme troff vor Sarkasmus – ,,lieber Sohn wollte zeigen, wie cool er ist und ist über ne rote Ampel gelaufen, da hat ihn ein Motorradfahrer voll erwischt. Und ihm war es so peinlich, dass er sich die Geschichte mit der Prügelei ausgedacht hat.“

Ich starrte ihn geschockt an. Es war zwar wahrscheinlich das solidarischste, was jemals ein Mensch für mich getan hatte, aber… damit würde er doch niemals durchkommen!

Mrs. Harper lachte nur: ,,Das glaubst du doch wohl selbst nicht Freundchen, dass…“ ,,Ich habs auch gesehen.“, rief plötzlich Allie und sprang ebenfalls auf. Selbst Lovis meldete sich zu Wort und stotterte plötzlich gar nicht mehr:

,,Ich auch! Ich kann’s auch bezeugen!“

Was taten sie da alle? Sie brachten sich nur auch noch in Schwierigkeiten.

,,Ich auch!“ sagte Jenna, die vorne neben Allison saß.

Und plötzlich standen immer mehr Schüler auf und riefen

,,Ich auch! Ich hab´s auch gesehen!“ Und ,,Ja genau so war´s.“

Zwischen den ganzen Rufen hörte man Rays Mutter immer wieder ,,Lüge“ kreischen, doch da hörte ich überhaupt nicht mehr hin. Alle hatten sie sich zusammen gegen ihn gestellt und schienen damit tatsächlich durchzukommen. Es waren so gut wie alle Schülerinnen und Schüler aufgestanden, als die Direktorin plötzlich ,,Ruhe!“, in das Mikro brüllte, sodass es quietschte.

Alle setzten sich wieder und es wurde augenblicklich still im Saal. Als sie anfing zu sprechen, hielten alle förmlich die Luft an:

,,Ich erkläre das Treffen hiermit für beendet, bitte geht zurück in eure Klassenräume und sie und ihre Mutter, Mr Harper, kommen bitte einmal mit mir in mein Büro.“ Sofort wurde es in der ganzen Aula laut und man hörte ab und zu erleichtertes Aufatmen und irgendjemand meinte ,,der König ist gestürzt“, wobei ich das doch etwas übertrieben fand.

Auf dem Weg zum Klassenraum kam Lovis plötzlich zu mir.

,,Hey, echt Wahnsinns Aktion, ich hab mich dann ja noch um Patrick gekümmert.“ Ich sah ihn fragend an und plötzlich fiel mir dessen Abwesenheit wieder ein. Aber der kleine, schmächtige Lovis Hunter hatte sich doch unmöglich mit dem fast zwei Köpfe größeren Patrick geprügelt!

,,Naja, ich dachte, weil ich ihm nichts anhaben kann, hab ich mir seinen kleinen Bruder vorgenommen und der ist dann einfach mit der Nachricht nach Hause gelaufen, dass…“

,,Stopp!!“, brüllte ich vielleicht etwas zu laut.

,,Wie konntest du das machen, der kleine kann doch nichts für seinen Bruder! Ich meine, was…“, ich hielt mir die Hand vor den Mund, weil mir bei dem Gedanken an einen halb Tod geprügelten Jungen fast mein Abendessen wieder hochkam. Doch Lovis grinste nur seltsam und sagte wieder komplett ohne Sprachfehler: ,,Mmh… sowas hat Kirian eben auch schon gesagt. Ich dachte, du verstehst das vielleicht… Aber, naja, das ist jetzt wohl nun Patricks Problem.“

Ich wusste nicht mehr, was ich dazu sagen sollte und rannte einfach nur noch Richtung Klasse. Alle klatschten mich ab und riefen mir irgendetwas zu, aber mir war nicht wirklich nach Feiern zumute.

Von diesem Tag an belästigten die Drei nie wieder irgendeinen Mitschüler und auch, wenn dies wahrscheinlich ein Sieg war, frage ich mich, ob es nicht auch einen anderen Weg gegeben hätte.

The End


AvatarAnsprechpartner(in): Anja Bolten

Datum: 21. Juni 2020 - 20:06 Uhr | Update: 23. Juni 2020 - 21:35 Uhr


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